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Was eigentlich gut gemeint war, sorgt für Chaos an den Tankstellen. Die Autofahrer fühlen sich überrumpelt, die Industrie sitzt auf prallgefüllten E10-Tanks und schmollt, und die Politik weist jede Schuld von sich. Was hat es mit E10 auf sich, welches Ziel wird verfolgt, und wie kann man feststellen, ob das eigene Auto E10 verträgt?
E10 ist Ottokraftstoff mit bis zu zehn Prozent Bioethanol. Das E steht also für Ethanol, die 10 für den zulässigen Anteil. Bioethanol wird aus Pflanzen gewonnen (in Deutschland hauptsächlich aus Weizen und Zuckerrüben). Die Beimischung soll den Ausstoß des klimaschädlichen CO2 senken, die Abhängigkeit vom Erdöl und von Erdölimporten verringern.
Grundlage ist eine EU-Richtlinie, die in Deutschland durch eine Änderung des Bundesimmissionsschutzgesetzes umgesetzt wurde. Die Mineralölindustrie erhöhte zur Erfüllung der Regelungen den Ethanolanteil von vorher fünf auf bis zu zehn Prozent und ersetzte das bisherige Superbenzin ("E5", erlaubte Beimischung bis zu 5 Prozent) durch "Super E10".
Kann ich E10 tanken?
Ob ein Fahrzeug E10 verträgt, weiß sicher nur der Hersteller. Laut Umweltbundesamt sind rund 90 Prozent aller in Deutschland zugelassenen Benzin-PKW E10-tauglich. Auf dem Benzingipfel am 8. März 2011 wurde beschlossen an den Tankstellen Listen auszulegen, aus denen man die Verträglichkeit des eigenen Autos ablesen kann. Die Deutsche Automobil Treuhand GmbH (DAT) und der ADAC bieten diese Listen auch im Internet an. Die Automobilindustrie hat auf dem Benzingipfel erklärt, dass die in diesen so genannten DAT-Listen enthaltenen Informationen rechtsverbindlich sind.
→ DAT-Liste zum Download: E10-Verträglichkeit von Kraftfahrzeugen
→ ADAC: Online-Version der DAT-Liste
Neufahrzeuge sind in aller Regel E10-tauglich. Bei Zweifeln an der E10-Verträglichkeit (z.B. wenn das Erstzulassungsdatum des Fahrzeugs nahe an den Grenzen des in der Liste genannten Produktionszeitraums/Baujahrs liegt oder bei Re-Import-Fahrzeugen) wird eine Beratung durch den Vertragshändler oder über die Hersteller-Hotlines empfohlen. Die Telefonnummern sind in der Liste angegeben.
Der E10-Kraftstoff ist an der Bezeichnung "Normal E10", "Super E10" oder "Super Plus E10" auf den Zapfpistolen bzw. den Zapfsäulen zu erkennen.
Welche Risiken bestehen für mein Fahrzeug?
Bei Fahrzeugen, die E10 nicht vertragen oder deren Verträglichkeit nicht gesichert ist, kann es zu Schäden an der Treibstoffversorgung kommen. Der in E10 enthaltene Alkohol kann Aluminiumbauteile (z.B. Ansaugtrakt, Benzinpumpen) und Kunststoffe (z.B. Schläuche, Dichtungen) angreifen. Hierbei ist zu beachten, dass Schäden bereits nach einer einmaligen Betankung mit E10 ausgelöst werden können und dann unter Umständen nicht mehr aufzuhalten sind. Lecks in der Kraftstoffversorgung können die Folge sein. Aufgrund der Lösungseigenschaften von Ethanol können weiterhin erhöhte Metallwerte im Kraftstoff auftreten.
Daher ist von der Betankung mit E10 ohne Klärung der Verträglichkeit dringend abzuraten. Der ADAC warnt in diesem Zusammenhang vor der Verwendung von speziellen Additiven aus dem Zubehörhandel, die angeblich die E10-Tauglichkeit auch bei nicht freigegebenen Modellen gewährleisten sollen.
Was mit einem Auto passiert bzw. nicht passiert, wenn es mit E10 betankt wird, obwohl es dafür nicht freigegeben ist, testet der ADAC in einem Langzeitversuch seit März 2011. Ein Opel Signum, der vom Hersteller als nicht E10-tauglich eingestuft wurde, wird von den Fachleuten absichtlich fehlbetankt. Seit über 10.000 km fährt der Wagen bisher ohne Probleme, die befürchtete Ethanolkorrosion konnte durch Inspektion nicht nachgewiesen werden. Ein ADAC-Techniker dazu: "Natürlich müssen die Herstellerangaben zu E10 sehr ernst genommen werden. Aber unser Test zeigt auch: So zerstörerisch, wie oft behauptet, kann E10 nicht sein." Dabei ist aber zu bedenken, dass ein Test mit einem Fahrzeug eines Herstellers keine Verallgemeinerung auf andere Modelle anderer Hersteller erlaubt. Dennoch scheint die enorme Aufregung im Bezug auf Fahrzeugschäden durch E10 wohl etwas überzogen.
Mehr Verbrauch - und weniger Kosten
Viele Autofahrer wollen auch deshalb nichts von E10 wissen, weil es weniger Leistung bringt und der Motor damit mehr verbraucht. Korrekt ist, dass Ethanol einen niedrigeren Energiegehalt besitzt als klassischer Sprit. Gleichzeitig hat Ethanol aber bessere Verbrennungseigenschaften und erhöht die Oktanzahl. Aufgrund der verschiedenen Motoreigenschaften variiert der resultierende Mehrverbrauch zwischen konkreten Fahrzeugmodellen. Als Richtwert für den Mehrverbrauch bei Betankung mit E10 im Vergleich zum bisherigen Super E5 gibt der ADAC ca. 1,5 Prozent an. Im Vergleich zum klassischen Ottokraftstoff sind mit etwa drei Prozent zu rechnen.
| Kraftstoff |
Verbrauch |
Preis/l |
Kosten |
| E5 |
8,00 l |
1,55 EUR |
12,40 EUR |
| E10 |
8,16 l |
1,50 EUR |
12,24 EUR |
| Differenz |
+ 2 % |
- 0,05 EUR |
- 0,16 EUR |
Der Mehrverbrauch wird durch die Preispolitik der Mineralölkonzerne aber wieder wettgemacht. Um den neuen E10-Krafststoff zu fördern, kostet E10 an der Tankstelle bis zu acht Cent weniger als das bisherige E5-Super. Eine einfache Modellrechnung zeigt, was das unterm Strich für den Geldbeutel bedeutet: Bei angenommenem Verbrauch von 8 l/100 km, einem Mehrverbrauch von zwei Prozent bei E10 und einem Preis von 1,55 EUR (E5) bzw. 1,50 EUR (E10) ergibt sich für 100 gefahrene Kilometer eine Ersparnis von 16 Cent zugunsten von E10. Dabei wurde ein höherer Mehrverbrauch und ein niedrigerer Preisunterschied angenommen als oben angegeben. Bei einem Mehrverbrauch von 5 Prozent ergeben sich Mehrkosten von 22 Cent.
Wo liegt dann das Problem?
Wenn das eigene Auto E10 verträgt und man unterm Strich dieselben Kosten zu erwarten hat, wieso regt sich dann Widerstand gegen die Einführung von E10? Dafür gibt es mehrere Gründe.
Zum einen ist die Preispolitik der Mineralölwirtschaft zu verurteilen. Denn Fahrer eines nicht-E10-tauglichen Autos werden quasi gezwungen, den teureren Sprit zu tanken. E10 wird zum bisherigen Preis von E5 angeboten, dessen Preis künstlich in die Höhe getrieben wird und nun auf dem Niveau von Super Plus liegt. Hintergrund ist ein Etikettenschwindel der Mineralölkonzerne: Da sie gesetzlich verpflichtet sind, weiterhin unbefristet E5 anzubieten, dies aus Kosten- und Kapazitätsgründen aber nicht können oder wollen, ist dort, wo E5 draufsteht, tatsächlich Super Plus drin. Der Gesetzgeber hatte sich das anders vorgestellt und wollte mit der Angebotsverpflichtung eigentlich Autofahrer schützen, die auf E5 angewiesen sind. Die Konzerne nutzen nun die Gesetzeslücke, die sich aus der schwammigen Formulierung der entsprechenden Verordnung ergibt - und die Autofahrer zahlen drauf. Die Bundesregierung fordert zwar die Verbilligung der E10-Alternativen, lässt die Industrie aber gewähren.
Zum zweiten wurden die Verbraucher offensichtlich durch zu wenig Information und unterschiedliche Pressemeldungen verunsichert. Die Autofahrer wollen kein Risiko eingehen und mit E10 womöglich ihr Fahrzeug schädigen. Dabei ist festzustellen, dass auch im bisherigen Superbenzin E5, wie der Name schon sagt, Ethanol enthalten war, nämlich bis zu fünf Prozent. Interessanterweise gab es bei dessen Einführung keinerlei Aufschrei. Der Anteil darf bei E10 nun doppelt so hoch sein, wobei es sich dabei um einen Höchstanteil handelt. Der BUND e.V. weist darauf hin, dass der tatsächliche Ethanolanteil im E10-Sprit durchaus niedriger sein darf als zehn Prozent. Auch im Super-E5 sei der Maximalanteil nicht ausgeschöpft worden. Bereits seit den 1980-er Jahren wurde Ethanol dem Benzin ohne Deklaration beigemischt, um die Klopffestigkeit zu erhöhen. Gleichzeitig wird im Ausland zum Teil seit Jahren Benzin mit viel höherem Ethanolanteil angeboten. So fahren dem Chemieprofessor Jürgen Krahl zufolge in Brasilien Autos schon seit Jahrzehnten mit E22 - also mit einem 22-prozentigen Ethanolanteil.
Zum dritten ist der tatsächliche Beitrag, den E10 zum Klimaschutz leistet, umstritten. Hinter der Nutzung von Bioethanol steht die Idee, dass pflanzliche Kraftstoffe beim Wachstum der Ursprungspflanze so viel CO2 aufnehmen wie bei der Verbrennung (z. B. im Motor) wieder freigesetzt wird und somit eine ausgeglichene CO2-Bilanz aufweisen. Dies gilt im Besonderen im Vergleich mit mineralischen Kraftstoffen. Die Hersteller müssen offiziell nachweisen, dass sie die Pflanzen nachhaltig anbauen. In der Realität ist der CO2-Kreislauf jedoch nicht komplett geschlossen, und die Zertifizierung der Nachhaltigkeit hat gravierende Lücken. Inwiefern Biokraftstoffe umweltfreundlich sind hängt im wesentlichen davon ab, wie die Pflanzen angebaut und das Bioethanol erzeugt werden. So ist die Verwendung von Zuckerrüben z.B. deutlich effizienter als Weizen. Eine Studie des Londoner IEEP, die neben der Herstellung (Anbau, Düngung, Landmaschinennutzung, Transport) auch Verdrängungseffekte (z.B. durch Landnutzungsänderungen, Anbau in Entwicklungsländern, Regenwaldabholzung, Verknappung von Nahrungsmitteln) einbezieht, geht von einer negativen CO2-Bilanz der Biospritnutzung in der EU aus. Zur Realisierung der EU-Ziele bis 2020 müssten 50 Prozent des benötigten Bioethanols importiert werden.
Schließlich bleiben rechtliche Fragen offen für den Fall, dass trotz einer Freigabe durch den Automobilhersteller aufgrund einer Betankung mit E10 Schäden am Fahrzeug entstehen. Auf dem Benzingipfel im März haben die Automobilhersteller zwar auf die Rechtsverbindlichkeit ihrer Angaben in der DAT-Liste verwiesen. Nachfragen zu konkreten Garantien wichen sie aber aus und wiesen nur darauf hin, dass das Zivilgesetzbuch auch für die Automobilindustrie gelte. Juristen sehen indes mögliche Schwierigkeiten beim Nachweis, dass ein Schaden durch E10 entstanden ist.
Es bleibt der Eindruck, dass die Einführung von E10 zwar gut gemeint war, aber wenigstens unüberlegt und vorschnell passiert ist. Der Coburger Kraftstoffforscher Jürgen Krahl meint dazu im Fränkischen Tag: "Das eigentliche Drama besteht nicht darin, dass irgendwer irgendwen nicht rechtzeitig über irgendetwas informiert hatte. Es besteht darin, dass erneut ein Kraftstoff an den Markt gebracht wurde, bevor er umfassend untersucht war."
Quellen: ADAC e.V.; DAT GmbH; dpa; Fränkischer Tag; Bundesministerium für Umwelt; BUND e.V.
Fotos: Gerd Altmann / pixelio.de; AVIA/Bundesministerium für Umwelt
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